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Warum weinen wir?

Jeder von uns tut es bei den verschiedensten Gelegenheiten und aus den unterschiedlichsten Gründen: Wir sind die Spezies der Heulsusen. Warum eigentlich?

Schon Säuglinge begrüßen die Welt außerhalb des mütterlichen Bauches mit Geschrei und Tränen - und so geht es dann auch weiter:

Aufgeschürfte Knie, verweigerte Schokolade oder dunkle Zimmer lassen Kinder heulen. Zu den Tränen, die wir aus Schmerzen, Wut, Angst und Enttäuschung vergießen, kommen schließlich noch die der Rührung, der Freude und des Mitleids hinzu.

Und auch Staubkörner im Auge oder das Schneiden von Zwiebeln lassen uns weinen.

Aber wozu das ganze Geheule?

Gerade die letzten Beispiele lassen sich natürlich leicht erklären: Mit Hilfe der Tränenflüssigkeit, die ständig unser Auge befeuchtet, spülen wir Reizkörper oder -stoffe vom Augapfel.

Träne nicht gleich Träne

Sogar körpereigene Substanzen, die sich bei Stress oder starken Emotionen in unserem Körper ansammeln können, werden über die Tränendrüsen ausgeschieden. Das hat William H. Frey vom St. Paul-Ramsey Medical Center in Minnesota festgestellt.

Frey hatte einige seiner Studienteilnehmer mit ergreifenden Filmen zum Heulen gebracht, andere zum Zwiebelschneiden gezwungen - mit dem entsprechenden Ergebnis. Aber nur in den Tränen der Rührung fand der Wissenschaftler Hormone wie Prolaktin und Adrenocorticotropin, die wir unter anderem bei Stress ausschütten.

Entsorgen wir diese Moleküle also über unsere Tränen, damit wir nicht so sehr unter ihrer Wirkung leiden, wie Frey annahm? Vermutlich nicht. Denn wenn man Menschen fragt, wie es ihnen nach einem traurigen Film geht, dann leiden die größten Heulsusen auch am stärksten.

Diskutiert werden auch körperliche Heul-Effekte wie Entspannung oder Schmerzlinderung. Die Zusammenhänge hier sind allerdings noch relativ unklar.

Der eigentliche Grund dafür, dass wir gelegentlich Weinen, liegt demnach vermutlich woanders. Es ist nicht einfach eine Nebenerscheinung von Prozessen wie der Schmerzverarbeitung oder der Trauer.

Signal der emotionalen Verfassung

Es ist vielmehr ein Signal, das auf andere zielt. Wir teilen unserer Umwelt unsere emotionale Verfassung mit, um - in der Regel unbewusst - bei unseren Mitmenschen bestimmte Reaktionen auszulösen.

Dass dies für Kinder zutrifft, wird niemand bezweifeln. Das Weinen eines Säuglings lässt Eltern selbst in der tiefsten Nacht aufspringen, um Bedürfnisse des Nachwuchses zu befriedigen.

Aber auch bei Erwachsenen hat Weinen häufig eine direkte Wirkung oder dient als wichtige Information für das Gegenüber. So beenden Tränen nicht selten einen Streit, indem sie als Deeskalationsmittel dienen. Mit Tränen der Rührung und des Mitleids demonstrieren wir eine ausgeprägte Empathiefähigkeit. Das kann zum Beispiel bei Partnern und Freunden gut ankommen - schließlich rechnen diese dann damit, das gleiche Mitgefühl auch für sich in Anspruch nehmen zu können.

Zeigen wir unsere Traurigkeit mit Hilfe von Tränen, steigt die Wahrscheinlichkeit, von mitfühlenden Menschen getröstet und sozial unterstützt zu werden. Und Tränen des Schmerzes unterstreichen unsere Rolle als hilfsbedürftige Opfer von Verletzungen.

Dass Heulen jedoch auf jeden Fall ein deutliches Signal nach außen ist, belegt natürlich auch der weitverbreitete Wunsch, es zu unterdrücken. Das tun wir zum Beispiel, wenn wir befürchten, unser Weinen könnte als mangelnde emotionale Beherrschung interpretiert werden. Und die Sorge ist berechtigt.


Diese bittere Erfahrung musste zum Beispiel 1972 der Anwärter auf die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten Edmund Muskie machen. Muskie war über einige miese Zeitungsberichte so erbost, dass er während einer Pressekonferenz die Fassung verlor. Zumindest hatte es den Anschein, dass ihm Tränen der Wut über die Wangen liefen. Zwar erklärte der Senator später, es habe sich um das Schmelzwasser einiger Schneeflocken gehandelt. Aber die Wahl war für ihn verloren.

Da jeder weiß, dass uns die Rührung anderer anrührt, missbrauchen manche Menschen ihre Tränen, um sich in unsere Herzen zu heulen. Diese besondere Form der Absonderungen unserer Drüsen nennt man Krokodilstränen.

Die Bezeichnung kommt übrigens daher, dass diese Reptilien tatsächlich weinen, wenn sie ihr Maul aufreißen, um ihre Beute zu verschlingen. Das hängt allerdings nicht damit zusammen, dass die Panzerechsen Mitleid mit ihren Opfern heucheln, wie Plinius der Ältere es ihnen vorwarf. Vielmehr üben die Kiefer dabei Druck auf die Tränendrüsen aus, die sich deshalb entleeren.

Fazit: Tränen sagen mehr als Worte - aber sie können durchaus lügen.

 

26.3.08 17:08
 


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